Editorials

Jens Stechmann, Jörg Disselborg

Es ist eine Frage der Geschlossenheit

Alterntige Ware ist noch auf Lager und die allerersten Frühsorten sind gerade geerntet.

Allerorts wird schon längst über die Preispolitik der kommenden Saison diskutiert und spekuliert. Das Niveau dieser Diskussionen lässt dabei so manches Mal Sachverstand und Feingefühl vermissen. Vor allem vor dem Hintergrund der Frostschäden, unter denen viele Kolleginnen und Kollegen
leiden, sind Kommentare wie „Mit 60 Cent muss ein Erzeuger doch klarkommen“ oder „Wir können mit 10 Cent weniger als die Konkurrenz in den Markt einsteigen“ sowohl taktlos als auch kurzsichtig.

 

Nach drei mageren Jahren für die Apfelerzeuger präsentiert sich die Marktlage in Deutschland so heterogen, widersprüchlich und unübersichtlich wie schon lange nicht mehr. Gnadenloser Preisdruck seitens des Handels bei gleichzeitiger Unterversorgung des Marktes sind ein Phänomen der besonderen Art. Klar ist nur eines: Deutsche Äpfel bleiben gefragt. Die Frostnächte im April werden die gesamtdeutsche Ernte um einen wesentlichen Teil reduzieren. In der logischen Konsequenz könnte sich dies zu einer Unterversorgung auswachsen. Für die betroffenen Erzeuger wird es schwierig und der Markt und die Preise werden auf das knappe Angebot reagieren. Davon profitieren muss in erster Linie der Erzeuger – es zählt jeder Cent.

 

Die Diskussionen um die Marktmacht des Lebensmitteleinzelhandels sind weiter ein Dauerthema. Aber die Situation ist komplex und nicht immer sind die Discounter für Dumpingpreise verantwortlich. Die deutsche, zersplitterte Anbieterstruktur verstärkt den Druck auf den Absatz, denn der geringe Marktanteil des einzelnen Anbieters ist eine Schwäche. Es entsteht ein überzogener und oft völlig überflüssiger Wettbewerbsmarkt.

 

Internationale Gegebenheiten und Wetterkapriolen können wir nicht beeinflussen. Unser eigenes Produktions- und Marktverhalten und die Reaktionen auf Veränderungen am Markt können wir aber besser organisieren. Als Erzeuger haben wir es in der Hand, den Preiswettbewerb hin zu einem Qualitätswettbewerb zu führen. Instabile und schlechte Qualitäten, die schnell und billig verkauft werden müssen, sind dabei keine Hilfe. Das Verhalten der Vermarkter sollte nicht mehr von der Angst vor einer Auslistung geprägt sein. Standhaftigkeit ist das Gebot der Stunde.

 

Aussagen wie oben beschrieben, sind auch ein Ergebnis der falschen Sichtweise auf die Gesamtsituation. Auch wir von der Erzeugerseite müssen anfangen, die Betrachtungsweise vom Einzelbetrieb hin zu einer kooperativen Vermarktungsstrategie und einem einheitlichen Marktauftritt zu ändern.

 

Wir können nach vorsichtiger Einschätzung von einem weitestgehend robusten Markt 2017/2018 ausgehen. Wir erwarten von den Erzeugerorganisationen, Händlern und Bündlern ein diszipliniertes Marktverhalten – die jüngst entstandenen Chancen für einen stabilen Marktverlauf müssen genutzt werden. Und zwar deutlich zum Vorteil des Erzeugers! Aber der Fingerzeig auf andere reicht nicht. Auch auf Ebene der Erzeuger ist Selbstdisziplin gefragt. Wir haben es in der Hand, nicht untereinander ausgespielt zu werden. Insbesondere die Berufskollegen, die Positionen in den Entscheidungsgremien der Vermarktung besetzen, sind zu einem verantwortungsvollen Handeln aufgerufen.

 

Ob nun 60, 70 oder 80 Cent am Ende für den Erzeuger gut und ausreichend sind, ist nicht die Kernfrage. Ob durch einen geschlossenen Marktauftritt am Ende möglicherweise fünf Cent pro Kilo mehr drin gewesen wären, das ist die entscheidende Frage. Allen muss klar sein, dass die Betriebe am Limit sind. Die größte Last liegt auf dem Erzeuger und damit verbunden auch das komplette Risiko. Lagern bis zur neuen Ernte, MCP-Anwendungen, immer höhere Qualitätsansprüche und dass alles ohne entsprechende Wertschätzung der Kette. Wenn die Ware dann vom Erzeuger in andere Hände übergeht, findet der Preiskampf nur noch auf unserem Rücken statt.

 

 

 

 

 

 

Jens Stechmann                            Jörg Disselborg
- Bundesvorsitzender -                 - Geschäftsführer - 

 

Herkunft

Dieser Artikel stammt aus Ausgabe 08/2017

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